Die Firma Moser-Baer in Sumiswald steht sinnbildlich für ein Schweizer Phänomen. Hier wird seit Generationen an der Perfektion gefeilt, doch der Übergang von der Ära der rein mechanischen Meisterschaft hin zur softwaregesteuerten Produktion ist ein Kraftakt. Wenn Thomas Baer das Ruder an die nächste Generation übergibt, geht es nicht nur um Aktienanteile. Es geht um die radikale Frage, ob ein Traditionsbetrieb zum Plattform-Player werden kann. Die Innovationskraft der Schweiz erstickt oft in der eigenen Beharrlichkeit, alles zu hundert Prozent perfekt machen zu wollen, statt in schnellen Iterationen zu denken. Laut einer aktuellen Studie der Universität St. Gallen scheitern fast 40 Prozent der Familienunternehmen langfristig am mangelnden digitalen Transfer bei der Übergabe.
Mut zur digitalen Zerstörung
Innovation bedeutet, das bewährte Geschäftsmodell aktiv in Frage zu stellen. Das bedeutet bei einem Unternehmen wie Moser-Baer, dass die analoge Welt nicht einfach digital abgebildet, sondern in Echtzeit-Datenströme übersetzt werden muss. Wenn Peter Voser als Chairman bei ABB den digitalen Wandel einfordert, gilt das erst recht für den Mittelstand. Die Scheu vor dem Risiko ist der grösste Feind der Schweizer Exportstärke. Ein Generationswechsel muss deshalb zwingend mit einem Technologiewechsel gepaart werden, bei dem nicht die Kontinuität der Prozesse, sondern die Skalierbarkeit des Wissens im Zentrum steht.
Der Übergang von der Fabrik zum datengesteuerten Ökosystem entscheidet darüber, ob Schweizer Präzision im Jahr 2030 noch ein Verkaufsargument ist oder nur noch ein Relikt im Museum.
— Quelle: Dorian Dorner, Gründerzeit
Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Dringlichkeit. Laut dem Bundesamt für Statistik sind KMU das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft, aber ihr Investitionsstau bei KI-Anwendungen liegt im europäischen Vergleich im hinteren Mittelfeld. Wer bei der Nachfolge nur an Steuern und Familienfrieden denkt, vernachlässigt das wichtigste Kapital: die technologische Souveränität. Es braucht den Mut, radikale Entscheidungen wie die komplette Cloud-Migration der Produktionssteuerung oder die Implementierung autonomer Logistiksysteme zu treffen. Wer das nicht tut, wird von agilen Playern aus Asien oder den USA schlichtweg überrollt, auch wenn das Produkt auf dem Prüfstand tadellos funktioniert.
Der Faktor Mensch in der Softwarewelt
Der Generationenwechsel ist die ideale Gelegenheit, eine neue Fehlerkultur zu etablieren. Junge Nachfolger bringen oft ein anderes Verständnis von Kollaboration mit, das weit über die starren Hierarchien hinausgeht, die man aus den Archiven alter Schweizer Firmen kennt. Professor Falko Schlottig von der FHNW betont immer wieder, dass technische Exzellenz ohne eine agile Unternehmenskultur wertlos bleibt. Die Machtverschiebung hin zu einer datengetriebenen Entscheidungsfindung ist schmerzhaft, aber alternativlos. Am Ende gewinnt nicht derjenige, der das beste Produkt im Tresor hat, sondern derjenige, der am schnellsten aus den Daten seiner Kunden lernt.





