Die Industrie ist wie eine Taschenuhr aus dem Val de Travers: Sie verzeiht keine Nachlässigkeit, weder in der Konstruktion noch in der geopolitischen Justierung. Wer meint, mit einer Prise Agilität und einem digitalen Firnis über ein Fundament aus schwerem Stahl hinwegtäuschen zu können, der verkennt die Schwere des Materials. Die Georg Fischer AG, einst Inbegriff schweizerischer Beständigkeit in der Rohrleitungstechnik, findet sich derzeit in einem Sturm wieder, den man nicht mit einem Algorithmus wegoptimieren kann. Andreas Müller, der CEO des Unternehmens, navigiert einen Konzern durch Gewässer, in denen der Atlantik und das Südchinesische Meer keine Handelsrouten mehr sind, sondern unüberwindbare Gräben.
Ein Riss im Gefüge
Wenn die USA Sanktionen gegen Halbleiterfertigungsanlagen in Fernost verhängen, dann zittern in Schaffhausen nicht etwa die Serverräume, sondern die Fundamente der Giessereien. Georg Fischer ist als Zulieferer der Automobilindustrie tief in die globalen Lieferketten verwoben, deren Stabilität nun an der Eitelkeit der Supermächte zerschellt. Die Abhängigkeit vom chinesischen Markt, wo das Unternehmen laut Geschäftsbericht 2023 einen beachtlichen Teil seines Umsatzes erzielt, wandelt sich derzeit von einer goldenen Quelle zur toxischen Falle. Ein Maschinenbauer, der so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk arbeitet, ist zur Geisel einer Politik geworden, die das Handwerk verachtet und den Protektionismus feiert.
Der freie Handel ist kein Naturgesetz, sondern ein fragiler Vertrag, der täglich von den Starken einseitig gekündigt wird.
— Friedrich Stelzenbach, Gründerzeit
Die Vorstellung, man könne durch eine kluge Diversifizierung der Standorte der drohenden Deglobalisierung entfliehen, ist ein gefährlicher Trugschluss, der in den gläsernen Bürotürmen von Unternehmensberatern gezüchtet wurde. Ein Werk lässt sich nicht wie eine Excel-Tabelle kopieren, denn das Wissen der Arbeiter, das eingespielte Zusammenspiel zwischen Werkzeugmacher und Konstrukteur, ist ein lokales Gut, das sich nicht in einen Container verfrachten lässt. Wenn die Handelsbarrieren steigen, werden die Schweizer Industriebetriebe dazu verdammt, ihre Produktion in einem administrativen Flickenteppich zu verzetteln, anstatt in der Perfektion der Heimat zu verharren.
Handwerk gegen Hektik
Politiker wie Bundesrat Guy Parmelin predigen gerne die Offenheit der Schweizer Wirtschaft, doch an den Werkbänken spürt man längst den kühlen Wind der Isolation. Während die digitale Welt nach immer kürzeren Innovationszyklen schreit, ist der wahre Erfolg eines Unternehmens wie Georg Fischer in der Langlebigkeit seiner Bauteile begründet. Das ist das Gegenteil von Agilität; es ist Beständigkeit. Der Versuch, diese Beständigkeit in einem Umfeld von Sanktionen und geopolitischer Willkür zu bewahren, grenzt an das Unmögliche, doch genau hier entscheidet sich, wer Industrieller ist und wer nur ein Verwalter von Kapital.
Wahre unternehmerische Grösse zeigt sich nicht in der Expansion, sondern in der Fähigkeit, auch im heftigsten Gegenwind die Werkzeuge nicht aus der Hand zu legen.
— Studie der ETH Zürich zur Schweizer Industrie, 2023
Die Konsequenz aus diesem Dilemma ist unerbittlich: Schweizer Firmen müssen sich entscheiden, ob sie den Ausverkauf ihrer technischen Souveränität riskieren, um kurzfristig in einem zerfallenden Weltmarkt zu bestehen. Ein Rückzug in die Qualität des Nischenmarktes, weg von der schieren Masse, die in den riesigen Fabriken in China produziert wird, wäre die einzige ehrliche Antwort. Alles andere ist nur der Versuch, ein rostiges Uhrwerk mit billigem Öl aus Übersee zum Laufen zu halten, während die Feder bereits ihre Spannung verliert.





