Man stelle sich vor, man sitzt in einem gemütlichen Chalet in Adelboden und will eigentlich nur hochwertige Präzisionskomponenten für die Uhrenindustrie fertigen. Doch plötzlich klopft nicht der liebe Gott, sondern die Europäische Union an die Tür und verlangt einen lückenlosen Nachweis über die sozialen und ökologischen Standards bei jedem einzelnen Zulieferer in Vietnam oder Brasilien. Genau das droht nun der Firma Kistler Instrumente aus Winterthur. Der Weltmarktführer für Messtechnik steht vor einem Berg von Dokumentationspflichten, die jeden gesunden Menschenverstand sprengen.
Der bürokratische Bumerang trifft Winterthur
Unter der Führung von CEO Rolf Sonderegger hat sich Kistler zu einem globalen Giganten gemausert. Doch diese Grösse wird nun zum Verhängnis, da die EU-Lieferkettenrichtlinie Unternehmen ab einer gewissen Mitarbeiterzahl gnadenlos in die Pflicht nimmt. Es spielt keine Rolle, dass ein Unternehmen in der Schweiz produziert; sobald Waren in den EU-Raum geliefert werden, gilt das Brüsseler Gesetz. Das ist der Moment, in dem man sich fragt, ob ein ordentlicher Schweizer Dienstagmorgen eigentlich noch möglich ist, wenn man die halbe Nacht damit verbringt, Lieferantenzertifikate aus entlegenen Provinzen zu prüfen.
Ein Gesetz, das darauf ausgelegt ist, globale Transparenz zu schaffen, endet in der Praxis als Beschäftigungstherapie für Anwälte und als Wachstumsbremse für den Mittelstand.
— Quelle: Beni Moser, Gründerzeit
Das Elfenbeinturm-Syndrom der Regulierer
In Brüssel, so scheint es, haben die Kommissare noch nie in einer Werkshalle gestanden. Man stelle sich vor, ein Schweizer KMU müsste den CO2-Fussabdruck eines kleinen Schraubenlieferanten in den Anden zertifizieren, der nicht einmal eine stabile Internetverbindung hat. Während man in den Büros der EU von Nachhaltigkeit philosophiert, kämpfen Schweizer Unternehmer wie jene bei Kistler mit einer Realität, die nichts mit den schönen Grafiken in Brüsseler Policy-Papieren zu tun hat. Die Umsetzung dieser Richtlinie kostet laut dem Schweizerischen Arbeitgeberverband jährlich Millionen an administrativen Kosten, die an anderer Stelle für Forschung und Entwicklung fehlen.
Die Gefahr des Schweizer Alleingangs
Es wäre naiv zu glauben, dass sich die Schweiz als Insel der Glückseligen aus diesem regulatorischen Morast heraushalten kann. Wenn der Bundesrat, wie Wirtschaftsminister Guy Parmelin es zuletzt bei Gesprächen in Brüssel andeutete, zu wenig Druck ausübt, werden Schweizer Firmen schleichend zu einer EU-Kolonie der Regulatorik. Ein Unternehmen wie Kistler kann sich nicht einfach vom EU-Markt zurückziehen. Das ist keine Option, es ist das wirtschaftliche Exil. Der pragmatische Schweizer Weg, bei dem man Probleme löst, statt sie in Paragrafen zu ersticken, gerät unter massiven Druck.
Wir verwalten uns im europäischen Umfeld langsam zu Tode, während die Welt draussen einfach weiterarbeitet.
— Quelle: Thomas Matter, Nationalrat (SVP)
Was am Dienstagmorgen bleibt
Am Ende des Tages bleibt die Erkenntnis, dass die Schweiz eine spezifische Strategie braucht, um ihre Firmen vor diesem bürokratischen Exzess zu bewahren. Es darf nicht sein, dass ein Winterthurer Unternehmen plötzlich zum Hilfssheriff der EU degradiert wird. Sollte die Politik hier nicht schleunigst klare bilaterale Ausnahmen oder vereinfachte Anerkennungsverfahren aushandeln, wird die nächste Innovationswelle nicht mehr in der Schweiz, sondern unter dem Radar der Bürokratie in asiatischen Werkstätten stattfinden. Und dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob es am Dienstagmorgen funktioniert, sondern ob überhaupt noch jemand in der Schweiz arbeitet, der nicht mit Formularwesen beschäftigt ist.





