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Wirtschaft

Das Laboratorium als Alchimistenküche: Wenn ETH-Spin-offs an der rauen Realität der Werkbank scheitern

Die Transformation wissenschaftlicher Brillanz in marktfähige Unternehmungen gleicht nicht der schnellen digitalen Disruption, sondern erfordert das beharrliche, oft schmerzhafte Schleifen eines Rohdiamanten aus dem Zürcher Hochgebirge der Forschung.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach·12. Oktober 2026·6 Min Lesezeit
Das Laboratorium als Alchimistenküche: Wenn ETH-Spin-offs an der rauen Realität der Werkbank scheitern

Drei Ingenieure arbeiten gemeinsam in einer Werkstatt an der Montage und Programmierung eines Roboterarms.

Bild: Pexels / Mikhail Nilov

Wenn die Forscher der ETH Zürich ihre sterilen Labore verlassen, um in der rauen Welt der Kommerzialisierung zu bestehen, begegnen sie einer Diskrepanz, die tiefer reicht als jeder Algorithmus. Es ist der Unterschied zwischen der theoretischen Perfektion einer physikalischen Formel und der taktil-handfesten Notwendigkeit, eine Maschine zu bauen, die unter Druck nicht nur funktioniert, sondern auch Gewinn abwirft. Der Fall des Robotik-Spin-offs ANYbotics, welches unter der Ägide von Hanspeter Fässler und den Mitgründern wie Péter Fankhauser den Sprung in die industrielle Inspektion wagte, illustriert diesen Reifeprozess trefflich. Es ist ein weiter Weg von der kühnen Idee in den Hallen des Hönggerbergs hin zur robusten, im Schlamm einer Baustelle operierenden Einheit.

Die Illusion der schnellen Skalierung

Die heutige Gründerkultur krankt an einer ungesunden Eile, die den Geist der Schweizer Industrietradition verkennt. Wer glaubt, mit einer glänzenden Präsentation vor einem Risikokapitalgeber den wahren Wert seines Unternehmens zu begründen, hat die Lektion der Werkbank nicht verstanden. Echte Qualität, wie sie ein Uhrmacher im Vallée de Joux mit der Lupe im Auge sucht, lässt sich nicht in Sprints oder durch agiles Management erzwingen. Es bedarf der Geduld eines Steinmetzes, um eine Innovation so zu kalibrieren, dass sie im harten Wettbewerb nicht beim ersten Frost zerbricht.

Der Geist der Innovation stirbt dort, wo das Marketing die Ingenieurskunst überholt und der schnelle Exit mehr zählt als die Langlebigkeit des Produkts.

— Quelle: Friedrich Stelzenbach, Gründerzeit

Unternehmer wie der CEO von ANYbotics, Stefano Mintchev, müssen heute den Spagat meistern, zwischen den Erwartungen einer auf schnelles Wachstum fixierten Investorenwelt und der unerbittlichen physikalischen Realität ihrer Roboter. Laut Jahresbericht der ETH-Spin-offs 2023 haben im vergangenen Jahr wieder über 30 Neugründungen das Licht der Welt erblickt, doch nur jene, die den Übergang zur Serienreife mit der Akribie eines Feinmechanikers vollziehen, werden in fünf Jahren noch bestehen. Dieser Prozess ist kein Software-Update, das über Nacht die Welt verändert, sondern ein langwieriger Eingriff in die Materialwissenschaft und die praktische Anwendung.

Das Fundament der Beständigkeit

Wenn nun Investoren wie die Leute von Spicehaus Venture oder Verve Ventures Geld in diese High-Tech-Schmieden pumpen, sollten sie sich bewusst sein, dass sie nicht in eine App investieren, sondern in die moderne Inkarnation der Industrialisierung. Das Schweizer Handwerk, das einst die Welt mit Präzisionsinstrumenten belieferte, findet seine Fortsetzung in den Laboren der ETH. Es geht um die Beherrschung der Materie, nicht um die virtuelle Skalierung von Nichtigkeiten.

Wer in ein Spin-off investiert, kauft sich ein Stück schweizerische Beharrlichkeit ein, sofern das Kapital nicht durch den kurzfristigen Hype verbrannt wird.

— Quelle: Studie zur Schweizer Startup-Ökonomie, 2024

Die Schlussfolgerung für jeden angehenden Gründer ist unmissverständlich: Die Digitale Welt ist nur das Werkzeug, der Inhalt bleibt die reale Welt. Wenn ein ETH-Spin-off den Sprung vom Labor zum Markt wagt, darf es seine Wurzeln in der soliden Ingenieurskunst nicht kappen. Die Zukunft der Schweizer Wirtschaft liegt nicht in der unreflektierten Adaption digitaler Modewörter, sondern in der bewussten Rückbesinnung auf das, was unsere Vorfahren in den Werkstätten begründet haben: das Streben nach dem absolut Besten, auch wenn es Jahre der Entwicklung beansprucht.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach

Senior-Korrespondent. Entschleunigt, präzise, literarisch — 24-Karat-Qualität.

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