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Die Karikatur der Kompetenz: Wenn Coop-Chef Philipp Wyss nach dem Herz sucht

Notenblätter sind das Konfetti der Bedeutungslosigkeit im modernen Machtkampf um Talente. Coop-CEO Philipp Wyss hat das erkannt und entsorgt den akademischen Dünkel zugunsten einer vagen Suche nach Charakter, womit er den Finger in die Wunde eines ineffizienten Bildungssystems legt.

Ruben J. Goldstein
Ruben J. Goldstein·27. Oktober 2026·3 Min Lesezeit
Die Karikatur der Kompetenz: Wenn Coop-Chef Philipp Wyss nach dem Herz sucht

Ein professionelles Team diskutiert in einem modernen Sitzungszimmer an einem gläsernen Konferenztisch.

Bild: Pexels / Vlada Karpovich

Philipp Wyss, der Herr über die Regale bei Coop, scheint das intellektuelle Rüstzeug einer alten Welt für entbehrlich zu halten. In einem Umfeld, in dem die Schweiz sich als Hochburg des zertifizierten Wissens inszeniert, mutet es fast schon subversiv an, wenn ein Wirtschaftsführer die universitäre Leistungsschau derart lapidar beiseite schiebt. Es ist der Abschied vom technokratischen Ideal, hin zur Suche nach jenem schwer fassbaren Etwas, das man früher schlicht Anstand nannte.

Das Ende der Noten-Tyrannei

Das Bildungssystem, geprägt von einem unermüdlichen Drang zur Normierung durch den Bildungsbericht Schweiz, produziert junge Menschen, die in Excel-Tabellen glänzen, aber bei der ersten echten zwischenmenschlichen Reibung versagen. Wenn Wyss nach persönlichen Qualitäten fragt, sucht er nicht nach Intelligenz im klassischen Sinne, sondern nach der Resilienz eines Menschen, der auch an einem Dienstagabend in einer Filiale in Olten nicht die Nerven verliert. Es ist der verzweifelte Versuch eines Grosskonzerns, die menschliche Komponente in einer zunehmend algorithmisierten Welt zu konservieren.

Der Intellekt ist nur das Fundament, doch der Charakter ist der Architekt, der entscheidet, ob das Gebäude bei den ersten Erschütterungen des Marktes einstürzt oder besteht.

— Quelle: Ruben J. Goldstein, Gründerzeit

Macht ist kein Gruppenprojekt

Unternehmer wie Thomas Fedier von HRS Real Estate wissen längst, dass technische Exzellenz in den Lebensläufen von ETH-Absolventen zwar die Eintrittskarte sichert, aber niemals den Aufstieg zum Entscheidungsträger garantiert. Die Schweiz, gefangen in einer fast schon rührenden Naivität bezüglich ihrer globalen Wettbewerbsfähigkeit, bildet ihre Jugend für eine Welt aus, die längst von völlig anderen sozialen Spielregeln regiert wird. Wer meint, mit einem perfekten Abschluss allein die komplexen Verwerfungen der internationalen Handelswege steuern zu können, wird alsbald von der Realität eingeholt werden.

Die Abkehr von der reinen Notenfixierung ist ein Eingeständnis des Scheiterns unserer Akademisierungs-Manie. Es ist eine Flucht nach vorne, die jedoch offen lässt, wer genau definiert, was ein guter Charakter in einer Zeit der geopolitischen Fragmentierung ist. Während Wyss fragt, ob ein Kandidat in das soziale Gefüge seines Imperiums passt, bereitet sich die globale Konkurrenz darauf vor, die Spielregeln des Machtkampfes ganz neu zu schreiben. Wer nur auf das Herz schaut, könnte die kalte Logik der ökonomischen Realität übersehen.

Ruben J. Goldstein
Ruben J. Goldstein

Polit-Stratege und Kolumnist. Analytisch, messerscharf, politisch provokant — ohne Blatt vor dem Mund.

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