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Wirtschaft

Der Reflex der Ruhelosen: Warum der Zwang zur sofortigen Erledigung unsere Innovationskraft erstickt

Die sogenannte Präkrastination ist keine Tugend, sondern ein gefährliches Symptom einer leistungsorientierten Gesellschaft, die strategisches Denken gegen blinden Aktionismus eintauscht. In den Führungsetagen der Schweizer Wirtschaft droht dieser Reflex zur permanenten Lähmung kreativer Prozesse zu werden.

Ruben J. Goldstein
Ruben J. Goldstein·25. Oktober 2026·4 Min Lesezeit
Der Reflex der Ruhelosen: Warum der Zwang zur sofortigen Erledigung unsere Innovationskraft erstickt

Ein Geschäftsmann arbeitet sichtlich gestresst an einem leeren Schreibtisch in einem hellen Büro.

Bild: Pexels / Thirdman

Der blinde Aktionismus als Karrierefalle

In den gläsernen Palästen des Zürcher Finanzdistrikts beobachtet man ein Phänomen, das so banal wie fatal ist: Manager, die jede E-Mail binnen Sekunden beantworten und jedes Projekt im Keim ersticken, noch bevor der strategische Horizont überhaupt erkennbar ist. Es ist der Drang zur sofortigen Erledigung, eine Art kognitive Hast, die den intellektuellen Spielraum opfert. Wer ständig präkrastiniert, verwechselt Aktivität mit Produktivität. In der Tradition von Führungspersönlichkeiten wie Sergio Ermotti, die ihre Macht durch strategische Geduld und kalkuliertes Warten ausbauten, erscheint dieser moderne Zwang als Ausdruck einer gefährlichen intellektuellen Verarmung.

Die Illusion der Kontrolle

Unternehmer wie André Hoffmann wissen um die Bedeutung des Innehaltens. Wer glaubt, durch ein leeres Posteingangsfach die Welt zu beherrschen, irrt gewaltig. Der Arbeitsalltag verkommt zur Abarbeitung einer Liste, während die grossen geopolitischen Verschiebungen, die unsere Exportnation Schweiz direkt betreffen, ignoriert werden. Die Präkrastination ist der Sargnagel der Vision. Sie verwandelt Strategen in Sekretäre ihres eigenen Untergangs.

Wer das Ziel sofort erreicht, hat die Architektur der Strategie nicht begriffen; wahre Macht zeigt sich in der Kunst, den richtigen Moment des Handelns abzuwarten.

— Ruben J. Goldstein, Gründerzeit

Der Preis des falschen Fleisses

Die Forschung, etwa durch Arbeiten der Universität Zürich zur kognitiven Belastung, verdeutlicht, dass ständiger Reaktionszwang den präfrontalen Kortex überlastet. Wenn Start-up-Gründer wie jene hinter dem Fintech-Einhorn Neon ihre Visionen über Nacht in hastige operative Tasks zerlegen, riskieren sie den Verlust des grossen Ganzen. Die Schweizer Wirtschaft braucht keine fleissigen Abarbeiter, sie braucht Architekten der Zukunft, die den Mut besitzen, eine Aufgabe liegen zu lassen, um das System als Ganzes zu reflektieren. Ohne diese Distanz wird die Schweiz im globalen Machtspiel der grossen Blöcke lediglich zum Erfüllungsgehilfen degradiert.

Quellen

https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/bittersuesse-praekrastination-hauptsache-erledigt-die-leiden-einer-praekrastiniererin, https://www.uzh.ch/de/news/research.html

Ruben J. Goldstein
Ruben J. Goldstein

Polit-Stratege und Kolumnist. Analytisch, messerscharf, politisch provokant — ohne Blatt vor dem Mund.

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