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Wirtschaft

Der digitale Lehrmeister aus dem Tal der Milliarden

Die Schweizer Start-up-Landschaft verlernt das langsame Reifen, seit die Venture-Capital-Gesellschaft Redalpine das Tempo in Zürcher Büros diktiert. Was als Kapitalzufuhr getarnt daherkommt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine architektonische Umgestaltung unseres unternehmerischen Fundaments, die den Geist der alten Zunftordnungen zugunsten einer hektischen Performance opfert.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach·6. Oktober 2026·6 Min Lesezeit
Der digitale Lehrmeister aus dem Tal der Milliarden

Eine historische Holzsägemühle in den Schweizer Alpen, eingebettet in einen dichten Wald in Schwarz-Weiß.

Bild: Pexels / Jean-Paul Wettstein

Wenn Peter Schüpbach und seine Kollegen bei Redalpine ihre Schatullen öffnen, dann geschieht dies nicht mit der Bedachtheit eines Uhrmachers, der das Unruh-Rad justiert, sondern mit der Ungeduld eines modernen Baumeisters, der ein Hochhaus im Akkord hochzieht. Es geht um Geschwindigkeit, um den nächsten Exit, um die Skalierung, die das Schweizerische in den Hintergrund drängt. Die Firma, die 2006 gegründet wurde, hat es geschafft, die Spielregeln in der Schweiz derart zu beeinflussen, dass selbst traditionsbewusste Ingenieure an der ETH Zürich nur noch in Quartalszielen denken.

Ein Konstrukt aus Glas und Wahn

Das Investment in Unternehmen wie Frontify oder Taxfix folgt einer Logik, die dem gewachsenen Schweizer Mittelstand fremd ist. Während ein Schreiner im Appenzellerland sein Holz über Jahre hinweg trocknen lässt, um Verzug zu vermeiden, forcieren Investoren wie Michael Sidler die künstliche Trocknung von Geschäftsmodellen durch massives Kapital. Diese forcierte Reife mag auf dem Papier gut aussehen, doch die strukturelle Integrität des Unternehmens leidet unter der Hektik des Wachstumszwangs.

Ein Start-up, das zu schnell wächst, gleicht einem Bauwerk ohne Fundament: Die Statik stimmt nicht, sobald der erste Wind der Marktrealität über das Flachland fegt.

— Quelle: Friedrich Stelzenbach, Gründerzeit

Die Einflüsse von Redalpine auf die Szene sind unübersehbar, wenn man die Pitch-Events im Technopark Zürich verfolgt. Die Sprache hat sich gewandelt. Begriffe wie Skalierbarkeit verdrängen das handwerkliche Qualitätsversprechen. Es ist ein Phänomen, bei dem nicht mehr das Produkt, sondern die Finanzierungsrunde zum eigentlichen Kern der unternehmerischen Tätigkeit erhoben wird. Diese Verschiebung der Prioritäten ist für ein Land, das seinen Wohlstand auf exzellenter Detailarbeit aufgebaut hat, brandgefährlich.

Wenn das Handwerk zum Buzzword verkommt

Man betrachte den Fall der Firma Scandit, die unter den Fittichen grosser Risikokapitalgeber zu einem Aushängeschild wurde. Sicher, die technologische Leistung ist unbestritten, doch bleibt die Frage, wie viel Schweizer Wesen in einer Unternehmenskultur steckt, die darauf getrimmt ist, den globalen Markt in kürzester Zeit zu dominieren. Es ist ein Diktat der Beschleunigung, das wenig Raum für die Kontemplation lässt, die für echte Innovation notwendig wäre.

Die Rolle von Investoren wie Redalpine ist dabei paradox. Sie fordern Disziplin, doch sie lehren die Ungeduld. Es ist, als würde man einen Lehrling dazu zwingen, den Rohbau in einer Woche zu vollenden, nur weil der Kreditrahmen es gerade erlaubt. Die langfristige Stabilität, die einst das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft bildete, wird gegen die glänzende Fassade einer Unicorn-Bewertung eingetauscht.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass die Schweiz gut beraten wäre, sich auf ihre alten Tugenden zu besinnen, statt jedem digitalen Trend aus dem Silicon Valley hinterherzulaufen. Die Verheissung des schnellen Geldes ist oft nur eine schimmernde Illusion, die bei näherer Betrachtung wenig Substanz bietet. Wahre Meisterschaft braucht Zeit, Beständigkeit und ein tiefes Verständnis für das Material, mit dem man arbeitet.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach

Senior-Korrespondent. Entschleunigt, präzise, literarisch — 24-Karat-Qualität.

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