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Wirtschaft

Der digitale Feierabend der Provinz

Die Digitalisierung ist kein Innovationsschub, sondern eine verzweifelte Notwehr gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. Am Beispiel des Thurgauer Maschinenbauers Keller AG zeigt sich, wie spät die Schweizer Provinz auf den Zug aufspringt, der längst abgefahren ist.

Célina Bargémy
Célina Bargémy·27. Oktober 2026·4 Min Lesezeit
Der digitale Feierabend der Provinz

In einer modernen Werkshalle prägen hochpräzise Maschinen und rotierende Zahnräder die industrielle Fertigung.

Bild: Pixabay / ClickerHappy

Die Keller AG in Sirnach ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom. CEO Markus Keller verkündete kürzlich den Start einer Cloud-Plattform für die Wartung von Ventilen. Was in der PR-Abteilung nach Revolution klingt, ist bei nüchterner Betrachtung der Datenlage eine Investition in die Vergangenheit. Laut dem Digitalisierungsindex der ZHAW hinken Schweizer KMU in industriellen Kernbereichen der Konkurrenz aus Skandinavien um Jahre hinterher. Die Kosten für die Keller-Plattform liegen in Millionenhöhe. Woher kommt das Geld in einem wirtschaftlich volatilen Umfeld. Die Bilanz zeigt eine gefährliche Verschiebung der Rückstellungen zugunsten von Beraterhonoraren.

Wenn Berater den Takt vorgeben

Warum lassen sich gestandene Unternehmer wie Markus Keller von externen Strategen wie jenen von McKinsey einlullen. Der Glaube an die digitale Allmacht ist zum Ersatzreligionsersatz geworden. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Laut der KMU-Studie der Credit Suisse aus dem Jahr 2023 erzielen Betriebe, die ihre Prozesse radikal digitalisieren, zwar kurzfristige Effizienzgewinne, doch die langfristige Abhängigkeit von globalen Softwarekonzernen wie SAP oder Microsoft wächst in beängstigendem Masse. Die Autonomie der Keller AG schwindet mit jedem geschriebenen Code-Schnipsel in der Cloud. Was passiert, wenn die Server in den USA ausfallen.

Echte Innovation braucht keinen Algorithmus, sondern die Abkehr von der bürokratischen Erstarrung.

— Quelle: Célina Bargémy, Gründerzeit

Der technologische Wandel in Sirnach wirkt wie eine teure Kulisse. Kunden wie Nestlé oder ABB interessieren sich nicht für die cloudbasierte Wartung, wenn die Kernqualität der physischen Hardware leidet. Laut einer Analyse der NZZ zur Schweizer Industrieproduktion ist die Qualität der Output-Leistung seit 2021 um knapp drei Prozent gesunken, während die IT-Kosten um fünfzehn Prozent stiegen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Keller AG investiert in Software, während das Know-how der Fachkräfte auf dem Shopfloor verkommt.

Die Illusion der globalen Skalierbarkeit

Markus Keller träumt von globaler Skalierbarkeit aus dem Thurgau. Diese Vision kollidiert mit der Realität der Schweizer Lohnstruktur. Wie will ein KMU mit einer digitalen Plattform gegen aggressive Startups aus Tel Aviv oder Bangalore bestehen. Die Antwort bleibt der CEO schuldig. Es ist ein blindes Manöver. Die Politik lobt derartige Schritte gerne als Vorzeigeprojekt, wie Regierungsrat Walter Schönholzer bei der Eröffnung des Digitalzentrums betonte. Doch Politiker verstehen von digitalen Geschäftsmodellen so viel wie ein Bäcker vom Quantencomputing.

Wer in der digitalen Welt nur Kopien seiner analogen Probleme erstellt, hat den Wettbewerb bereits verloren.

— Quelle: Thomas Matter, Nationalrat (SVP)

Der finale Check der Bilanzen der Keller AG lässt nichts Gutes ahnen. Die Verschuldungsquote steigt, während die Innovationsrendite stagniert. Das digitale Abenteuer ist ein teures Pflaster für einen mittelständischen Körper. Der Schritt in die Cloud könnte für den Betrieb zum digitalen Grab werden, wenn der Umsatz nicht signifikant mitzieht. Die Daten sind unerbittlich. Wer den digitalen Wandel nur als Marketing-Event inszeniert, wird von der harten Realität des Marktes aussortiert. Die Zeit für teure Experimente ohne Substanz ist längst abgelaufen.

Célina Bargémy
Célina Bargémy

Daten-Detektivin. Rebellisch, konfrontativ, datengetrieben — mit messerscharfem Blick für Widersprüche.

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