Die Schweizer Verkehrspolitik klammert sich an den Wunschtraum, dass der Freizeitverkehr freiwillig das Auto stehen lässt. Laut Bundesamt für Statistik wächst der Bedarf an individueller Mobilität ungebremst weiter, während Politiker wie Verkehrsminister Albert Rösti auf die Eigenverantwortung der Bürger pochen. Doch die Faktenlage ist ernüchternd: Der Konsument ist ein Egoist. Wenn die S-Bahn nicht bis vor die Haustür fährt oder das Umsteigen zwischen Olten und Bern zum Hindernislauf wird, landet der Wagenschlüssel sofort wieder im Zündschloss.
Komfort schlägt Klimabilanz
Unternehmen wie die SBB unter CEO Vincent Ducrot investieren Milliarden in den Ausbau, doch sie kämpfen gegen ein unschlagbares Argument: die Freiheit des eigenen Sitzes. Die Bequemlichkeit ist das einzige Gesetz, das im Freizeitverkehr zählt. Preise spielen eine untergeordnete Rolle, solange der Komfort stimmt. Wer als Unternehmer darauf setzt, dass Kunden bei Regen und Schnee brav auf den ÖV warten, unterschätzt die Ignoranz gegenüber kollektiven Zielen.
Der Preis ist für den Schweizer Freizeitverkehr zweitrangig. Was zählt, ist die naive Illusion, dass der öffentliche Verkehr das eigene Auto nahtlos ersetzen kann, ohne dass der Komfort leidet.
— Célina Bargémy, Gründerzeit
Die SBB-Strategie, durch Taktverdichtung Massen zu bewegen, gerät an ihre Grenzen, wenn die Infrastruktur wie am Nadelöhr Zürich HB kollabiert. Prof. Dr. Kay Axhausen von der ETH Zürich hat längst nachgewiesen, dass Zeitersparnis und Bequemlichkeit die einzigen Währungen sind, die Pendler und Ausflügler wirklich interessieren. Wenn eine Fahrt von Zug nach Interlaken mit dem Auto schneller geht als die Umsteige-Orgie mit dem Zug, verliert die SBB den Kunden. Es ist ein Wettbewerb der Bequemlichkeit, den die Schiene oft nur mit hohen Subventionen gegen das Auto gewinnt.
Der unternehmerische Kollateralschaden
Für Schweizer KMU ist dieser Stillstand auf den Strassen ein schleichender Prozess, der die Produktivität frisst. Wenn Mitarbeiter im Stau stehen oder an überfüllten Bahnhöfen frustriert sind, leidet die Wirtschaft. Die Forderung nach einem Ausbau des ÖV ist oft nichts als ein Ablenkungsmanöver von der Tatsache, dass unsere Infrastruktur am Limit operiert. Es braucht keine neuen Werbekampagnen für den Zug, sondern eine gnadenlose Effizienz, die den Nutzer dort abholt, wo er steht.
Mobilität ist kein Luxusgut, sondern der Puls der Wirtschaft. Wenn wir den Freizeitverkehr nicht mit der Arbeitswelt synchronisieren, ersticken wir in unserem eigenen Wohlstand.
— Thomas Matter, Nationalrat (SVP)
Die Zeit der sanften Appelle ist vorbei. Wer den Stau bekämpfen will, muss den Konsumenten nicht überzeugen, sondern den ÖV so radikal einfach machen, dass das Auto zur unlogischen Wahl wird. Bisher bleibt das jedoch ein theoretisches Experiment, das in den Chefetagen der Verkehrsbetriebe schöner aussieht als auf den überlasteten Gleisen der Schweiz.





