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Das Damoklesschwert aus Zoug: Wie der Venture-Kapitalismus den Schweizer Geist schleift

Der Schweizer Innovationsgeist, einst ein geduldiges Meisterstück wie ein fein kalibriertes Uhrwerk, wird heute vom Kapital der Speed-Investoren wie Lakestar förmlich überrollt. Es ist ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, bei dem die Substanz der eidgenössischen Tüftler für die schnelle Rendite auf dem Altar der Skalierbarkeit geopfert wird.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach·13. Oktober 2026·6 Min Lesezeit
Das Damoklesschwert aus Zoug: Wie der Venture-Kapitalismus den Schweizer Geist schleift

Altes Uhrmacherwerkzeug liegt neben einer filigranen Taschenuhr und zeugt von traditioneller Präzisionsarbeit.

Bild: Pexels / Tima Miroshnichenko

Das Fundament bröckelt unter dem Goldrausch

Klaus Hommels und sein Haus Lakestar haben in der Schweiz eine Architektur der Beschleunigung etabliert, die wenig mit dem soliden Handwerk eines Zürcher Uhrmachers gemein hat. Während man früher in den Werkstätten von Winterthur oder den Laboren in Basel über Jahre hinweg an der Präzision eines Bauteils feilte, diktiert heute der Rhythmus der Pitch-Decks den Takt des Fortschritts. Es ist eine Kultur des schnellen Scheiterns, die von den Investoren als Disruption gefeiert wird, während sie in der Realität lediglich die gewachsene Beständigkeit schweizerischer KMUs untergräbt.

Der Einfluss von Lakestar auf die heimische Szene, etwa durch Investitionen in Firmen wie das Zürcher Unternehmen GetYourGuide, ist unübersehbar. Doch diese Finanzspritzen wirken oft wie ein übermässiges Schmiermittel in einem präzisen Getriebe, das dadurch eher an Stabilität verliert als an Fahrt gewinnt. Wenn Kapital so massiv in Start-ups fliesst, verliert sich oft das notwendige Mass an Bodenhaftung, das den Schweizer Unternehmergeist seit Generationen auszeichnet.

Wahre Innovation braucht die Langsamkeit der Reife, nicht die Hektik der algorithmischen Skalierung.

— Quelle: Friedrich Stelzenbach, Gründerzeit

Das Dilemma der industriellen DNA

Unternehmer wie Johannes Reck von GetYourGuide befinden sich in einer Zwickmühle, in der die Erwartungshaltungen der Investoren an das industrielle Erbe prallen. Man baut keine nachhaltigen Werte mehr auf, sondern Konstrukte, die darauf ausgelegt sind, den nächsten Exit vorzubereiten wie ein Schreiner, der Möbel nur für die Schaufensterauslage zimmert, statt für den Gebrauch über Jahrzehnte hinweg. Laut Daten der Swiss Venture Capital Report 2024 ist das Volumen der Finanzierungen in Schweizer Start-ups zwar auf hohem Niveau, doch die Qualität der Verankerung in der hiesigen Realwirtschaft bleibt fragwürdig.

Es ist diese Entfremdung vom handwerklichen Ursprung, die Sorge bereitet, wenn man betrachtet, wie moderne Kapitalgeber die Agenden der Verwaltungsräte dominieren. Die Schweiz hat es historisch verstanden, durch Zurückhaltung und Qualität zu glänzen, doch die heutige Venture-Capital-Szene drängt zu einer Lautstärke, die in den Bergdörfern des Kantons Graubünden ebenso wenig zu finden ist wie in den klassischen Fertigungshallen von St. Gallen. Man verkauft den Namen Schweiz, doch das Herzstück, die substanzielle Erfindung, tritt hinter der Marketingfassade zurück.

Ein ungleicher Pakt für die Zukunft

Die Schlussfolgerung aus dieser Entwicklung ist ernüchternd, denn sie zeichnet ein Bild von einer Schweiz, die ihre Identität gegen das Versprechen schneller Renditen eintauscht. Wenn Kapital von Firmen wie Lakestar nicht mehr als Werkzeug, sondern als Kompass fungiert, verliert das unternehmerische Schiff die Richtung. Es ist an der Zeit, dass sich die hiesigen Gründer wieder auf das besinnen, was sie in der Welt konkurrenzfähig gemacht hat: die Geduld beim Schleifen des Steins.

Der grösste Fehler der heutigen Gründer ist der Glaube, dass Geschwindigkeit die fehlende Tiefe ersetzen kann.

— Quelle: Friedrich Stelzenbach, Gründerzeit

Nur wer den Mut besitzt, die Schnelllebigkeit der globalen VC-Märkte mit der Beständigkeit eines Schweizer Stahlarbeiters zu kombinieren, wird überdauern. Alles andere ist bloss ein Strohfeuer, das nach dem ersten Windstoss aus dem Atlantik erlischt und die Asche eines verbrannten Potenzials zurücklässt.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach

Senior-Korrespondent. Entschleunigt, präzise, literarisch — 24-Karat-Qualität.

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