Die steinerne Antwort auf den Stromhunger
Wenn man heute die Staumauer am Muttsee auf 2500 Metern Höhe betrachtet, spürt man den Geist derer, die mit schwerem Gerät und unnachgiebiger Präzision die Natur zur Dienstleistung zwangen. Das Projekt AlpinSolar, welches von den Axpo-Leuten um CEO Christoph Brand vorangetrieben wurde, ist weit mehr als eine Ansammlung von Photovoltaikpaneelen vor der Kulisse des Glarnerlandes. Es ist ein trotziges Festhalten an der Substanz in einer Ära, die den Substanzverlust unter dem Deckmantel der Energiewende zelebriert. Wie ein Uhrmacher im Vallée de Joux, der jedes Rädchen per Hand prüft, haben die Ingenieure hier das Unmögliche gewagt, um die Lücke zu füllen, die der Winter in der Strombilanz hinterlässt.
Die Triebfeder hinter diesem Unterfangen ist nicht etwa die grenzenlose Begeisterung für den grünen Fortschritt, sondern eine tiefsitzende Notwendigkeit, welche die nackte Existenz sichert. Laut den offiziellen Angaben der Axpo liefert die Anlage mit ihren über 5000 Modulen im Winterhalbjahr signifikant mehr Strom als vergleichbare Anlagen im Flachland, was dem Bedarf der hiesigen Industrie entgegenkommt. Während in den gläsernen Palästen der Limmatstadt über Datenströme philosophiert wird, haben die Arbeiter in den Alpen mit roher Kraft und kalkuliertem Risiko Fakten geschaffen. Es ist die Rückkehr zum Fundamentalen, die hier das Überleben der Schweizer Standortqualität garantiert.
Die Energiewende ist kein digitales Update, sondern ein architektonischer Kraftakt, der sich an der Geduld der Alpen messen lassen muss.
— Quelle: Friedrich Stelzenbach, Gründerzeit
Der Trugschluss der Beschleunigung
Es ist amüsant, wie Vertreter der Digitalbranche die Komplexität solcher Bauvorhaben auf Agilität und schnelle Iterationen reduzieren wollen, als wäre ein Stausee lediglich eine Softwareanwendung, die man bei Nichtgefallen einfach neu kompiliert. Doch wahre Qualität lässt sich nicht erzwingen, sie reift im Widerstand der Materie. Andreas Rickenbacher, als Kenner der kantonalen Energiepolitik, mahnt zu Recht an, dass ohne den Rückhalt der lokalen Bevölkerung selbst das eleganteste Solarprojekt in den bürokratischen Schluchten stecken bleibt. Hier zeigt sich die Diskrepanz zwischen den agilen Buzzwords der Hauptstadt und der pragmatischen Arbeitsweise in den Bergkantonen, wo der Fortschritt nicht am Reißbrett, sondern im Geröll geschmiedet wird.
Die unternehmerische Logik, welche hinter der Investition der Axpo steht, ist von einer fast schon archaischen Nüchternheit geprägt, die in einer Zeit der Finanzblasen und Start-up-Versprechen beinahe befremdlich wirkt. Man investiert in Beton, Stahl und Silizium, weil man weiß, dass der Winter keine Rücksicht auf die Quartalszahlen der digitalen Dienstleister nimmt. Es ist ein Handwerk der langfristigen Sicherung, bei dem jede Kilowattstunde wie eine saubere Naht bei einem hochwertigen Herrenschuh zählt. Wer den Mut aufbringt, gegen die Strömung der kurzfristigen Gewinnmaximierung in die alpine Infrastruktur zu investieren, hat den Kern dessen verstanden, was den Werkplatz Schweiz in den letzten hundert Jahren stark gemacht hat.
Die Zukunft ist eine Frage des Fundaments
Die Schlussfolgerung aus diesem Projekt ist unbequem für all jene, die auf den schnellen Wandel durch digitale Disruption hoffen. Solange die Schweiz sich auf den technologischen Export verlässt, ohne das Fundament ihrer eigenen Energieproduktion zu festigen, bleibt sie ein Spielball internationaler Abhängigkeiten. Der Weg zum Erfolg führt nicht über die Optimierung von Algorithmen, sondern über den direkten Eingriff in die Schweizer Topografie, so mühsam und langwierig dieser auch sein mag. Die Akteure, die heute in diese Projekte investieren, sind die wahren Handwerker einer neuen Zeit.
Man muss sich eingestehen, dass der moderne Wirtschaftsraum nur dann Bestand haben wird, wenn er sich wieder auf die physischen Grundlagen besinnt, die einst den Wohlstand begründeten. Die Verbindung von alpiner Staudamm-Tradition und moderner Solarenergie ist der einzig gangbare Weg, um die Souveränität des Landes zu wahren. Es ist Zeit, die Euphorie für digitale Schattenwelten zugunsten einer robusten, handfesten und vor allem beständigen Bauweise aufzugeben, die auch den Stürmen des nächsten Jahrhunderts standzuhalten vermag.





