Gründerzeit – Journalismus für Unternehmer
Technologie

Der digitale Totalschaden bei Xplain: Warum die Schweiz beim Cyberschutz schläft

Der Hack beim Softwareanbieter Xplain hat die digitale Naivität der Schweizer Behörden brutal entlarvt. Wer heute noch glaubt, dass Daten in Schweizer Rechenzentren allein durch den Standort sicher sind, hat die Realität der globalen Vernetzung verschlafen.

Dorian Dorner
Dorian Dorner·23. Oktober 2026·6 Min Lesezeit
Der digitale Totalschaden bei Xplain: Warum die Schweiz beim Cyberschutz schläft

Eine maskierte Person agiert in einem abgedunkelten Raum vor Computerbildschirmen mit komplexem Programmcode.

Bild: Pexels / Tima Miroshnichenko

Der Vorfall bei der Firma Xplain aus Interlaken markiert das Ende einer Ära der Sorglosigkeit. Die Ransomware-Gruppe Play erbeutete Unmengen an sensiblen Daten, die direkt aus den Systemen der Schweizer Bundesverwaltung stammten. Was hier zum Vorschein kam, ist ein toxischer Cocktail aus veralteter Sicherheitsarchitektur und einer beängstigenden Abhängigkeit von wenigen Dienstleistern. Wenn Andreas Moser als CEO ein solches Debakel erlebt, wird deutlich, dass auch etablierte Tech-Unternehmen bei der Absicherung ihrer Lieferketten noch massive Hausaufgaben haben.

Die Illusion der Schweizer Souveränität

Die Vorstellung, dass digitale Daten sicher sind, nur weil sie innerhalb der Landesgrenzen gespeichert werden, ist ein gefährlicher Mythos. Der Vorfall bei Xplain zeigt, dass die Architektur hinter den Systemen entscheidend ist. Experten wie der Sicherheitsspezialist Marc Ruef von scip AG kritisieren seit Jahren, dass die Abhängigkeit von IT-Dienstleistern für staatliche Institutionen zu einem Nadelöhr wird. Es fehlt an redundanten Systemen und einer echten Cybersicherheits-Kultur, die über einfache Compliance-Checklisten hinausgeht.

Die Schweiz betreibt ihre digitale Sicherheit immer noch im Modus eines gemütlichen Wochenend-Ausflugs, während Hacker im Highspeed-Modus das Banken- und Staatsgefüge angreifen.

— Quelle: Dorian Dorner, Gründerzeit

Unternehmer müssen endlich verstehen, dass Cybersicherheit kein IT-Problem ist, das man an externe Firmen outsourcen kann. Es ist eine strategische Kernkompetenz der Geschäftsführung. Wenn der Bundesrat unter der Leitung von Bundespräsidentin Viola Amherd gezwungen ist, nach einem Hack die eigene Krisenkommunikation zu korrigieren, leidet das Vertrauen der gesamten Wirtschaft. Das ist Gift für den Standort Schweiz, der von Stabilität und Verlässlichkeit lebt.

Innovation braucht radikale Transparenz

Die Zukunft gehört Unternehmen, die Sicherheitslücken als Teil ihres Produktdesigns verstehen. Wir brauchen eine neue Generation von Schweizer Startups, die auf Zero-Trust-Architekturen setzen. Die aktuelle Strategie, bei Sicherheitsvorfällen primär auf Schadensbegrenzung und Schweigen zu setzen, ist ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert. Transparenz gegenüber den Kunden und eine offene Fehlerkultur sind heute Wettbewerbsvorteile, keine Schwächen.

Sicherheit ist keine statische Eigenschaft, sondern ein dynamischer Prozess, der jeden Tag aufs Neue erkämpft werden muss.

— Quelle: Prof. Dr. Adrian Perrig, ETH Zürich

Der Fall Xplain ist ein Weckruf, den wir dringend gebraucht haben. Unternehmen wie das von der ETH-Spin-off-Szene inspirierte Cyber-Defense-Segment zeigen, wie man es besser macht. Es ist Zeit, dass die Schweizer Unternehmenslandschaft ihre digitale Infrastruktur grundlegend modernisiert. Wer heute nicht in Security investiert, zahlt morgen die Rechnung bei der nächsten Erpressung durch Ransomware-Banden.

Dorian Dorner
Dorian Dorner

Tech-Optimist und Startup-Beobachter. Enthusiastisch, kritisch-prüfend, interviewt gerne Gründer.

Mehr von diesem Autor →

Mehr zum Thema

BepiColombo: Das Milliarden-Grab im All?Technologie

BepiColombo: Das Milliarden-Grab im All?

Nach acht Jahren Flugzeit steht die ESA-Mission BepiColombo kurz vor dem entscheidenden Manöver am Merkur. Während Schweizer Steuergelder in die Unendlichkeit fliegen, stellt sich die Frage nach dem Return on Investment für unsere innovative Wirtschaft.

28. Oktober