Das goldene Handcuff-Modell der Schweizer Innovation
Wenn Alexander Schlaepfer von Swisscom Ventures in ein Start-up investiert, geschieht das selten ohne Hintergedanken. Die Strategie des grössten Schweizer Telekommunikationsunternehmens ist brillant und zugleich gefährlich für die Startup-Landschaft. Anstatt nur als reiner Finanzinvestor aufzutreten, nutzt Swisscom Ventures seine Position als Branchenprimus, um Start-ups in ein Ökosystem zu ziehen, das exakt auf die eigenen Konzernbedürfnisse zugeschnitten ist. Das fördert zwar kurzfristige Erfolge und bietet Start-ups den Zugang zu einer riesigen Kundenbasis, doch die langfristige Unabhängigkeit bleibt dabei oft auf der Strecke.
Ein Ökosystem ist nur so frei, wie es seine einflussreichsten Investoren zulassen.
— Quelle: Dorian Dorner, Gründerzeit
Schaut man sich den Deal mit dem Zürcher Unternehmen Scandit an, wird klar, wohin die Reise geht. Als spezialisierter Anbieter für Barcode-Scanning und intelligente Datenerfassung passte Scandit perfekt in das Portfolio von Partnern wie Samuel Hügli, dem Leiter für Group Strategy und M&A bei der Swisscom. Die Integration solcher Technologien in die Konzerninfrastruktur beschleunigt zwar das Wachstum, bindet den Gründer aber auch an die strategische Roadmap eines Telco-Giganten. Diese Art von Synergie klingt in Hochglanz-Präsentationen grossartig, bedeutet aber in der Praxis oft den Verlust der unternehmerischen Agilität.
Warum Risiko in der Schweiz oft nur moderat ist
Die Schweizer Start-up-Szene krankt an einem Übermass an Vorsicht. Investoren wie Swisscom Ventures oder auch Partner in der Vergabe von staatlich geförderten Innosuisse-Projekten suchen nach der perfekten Balance zwischen technischem Fortschritt und ökonomischer Sicherheit. Das führt dazu, dass viele hochfliegende Ideen bereits in der ersten Finanzierungsrunde so stark auf Kompatibilität mit etablierten Firmen getrimmt werden, dass der ursprüngliche Disruptionsgedanke auf der Strecke bleibt. Innovation braucht Reibung, doch diese wird durch zu frühe strategische Abhängigkeiten oft im Keim erstickt.
Echte Disruption verträgt sich nicht mit der konservativen Sicherheitskultur grosser Schweizer Konzerne.
— Quelle: Studie der Universität St. Gallen, 2023
Unternehmer wie Beat Schillig von IFJ wissen genau, dass der Erfolg eines Start-ups in der Schweiz meist erst dann anerkannt wird, wenn ein grosser Player wie die Swisscom den Stempel draufdrückt. Diese Bestätigung ist wie ein Ritterschlag, der jedoch gleichzeitig den Fokus auf das Skalieren innerhalb bekannter Strukturen verengt. Es ist an der Zeit, dass wir den Blick wieder stärker auf unabhängige Finanzierungsrunden legen, die nicht sofort eine industrielle Partnerschaft als Trophäe mit sich bringen. Wahre Innovation bedeutet, auch gegen den Widerstand der bestehenden Marktstrukturen zu wachsen, statt sich ihnen unterzuordnen.
Ein Blick auf die harte Realität der Exit-Strategien
Am Ende des Tages ist Swisscom Ventures ein Vehikel, das den Wert der eigenen Gruppe maximieren soll. Das ist legitim und betriebswirtschaftlich klug, stellt aber eine Gefahr für den Innovationsgeist dar. Wenn Start-ups von Beginn an darauf konditioniert werden, in Richtung eines Verkaufs an oder einer engen Kooperation mit einem Grosskonzern zu denken, bleibt der grosse Sprung zum internationalen Champion, der die Welt verändert, oft aus. Die Schweiz produziert viele kleine, nützliche Tools für den Schweizer Markt, aber zu wenige globale Plattformen.
Die Entscheidungsträger in der Schweizer VC-Szene müssen mutiger werden. Es darf nicht nur darum gehen, wie man eine neue Technologie in die Prozesse der Swisscom oder der SBB einspeisen kann. Es muss darum gehen, wie man ein eigenständiges Unternehmen aufbaut, das auch ohne die schützende Hand eines Konzerns in den USA oder Asien bestehen kann. Wir brauchen weniger strategische Partnerschaften und mehr unternehmerischen Starrsinn.





