Es ist ein interessantes Phänomen. Wenn man in Singapur in einem dieser futuristischen Hawker Center sitzt und den lokalen Unternehmern zuhört, geht es immer um Schnelligkeit. In der Schweiz hingegen diskutiert man beim Znüni erst einmal das Risikoprofil der Haftpflichtversicherung. Genau hier setzt Redalpine an. Sie kaufen sich nicht nur in Start-ups ein, sie bringen eine Mentalität mit, die sich anfühlt, als hätte man einen Espresso-Shot in das eher gemütliche Schweizer Risikokapital-Geschäft geschüttet.
Der kulturelle Clash der Kapitalisten
Unter der Führung von Michael Sidler und seinem Team hat Redalpine das Kunststück vollbracht, Firmen wie N26 oder Taxfix nicht nur mit Geld, sondern mit einer Portion kalifornischer Chuzpe auszustatten. Das ist der Moment, in dem der typische Schweizer Gründer nervös wird. Es reicht eben nicht mehr, das sauberste Produkt im Regal zu haben, wenn das Marketing auf dem Niveau einer Gemeindeverwaltung bleibt. Die Frage bleibt: Funktioniert das auch an einem Schweizer Dienstagmorgen, wenn die Bahnen zwar pünktlich sind, aber der Mut zum Scheitern immer noch als moralisches Defizit gilt?
Geld allein ist nur bedrucktes Papier, aber die Art, wie Redalpine den Druck auf die Performance erhöht, grenzt an eine chirurgische Operation am offenen Herzen der Schweizer Start-up-Kultur.
— Quelle: Beni Moser, Gründerzeit
Man muss sich die Deals ansehen, etwa die Beteiligung an Alpine Immune Sciences. Hier trifft eidgenössische Präzision auf eine Wachstumsdynamik, die in der Schweiz sonst eher bei den SBB-Verspätungen zu finden ist. Die Investoren von Redalpine verstehen es, die Schrauben genau dort anzuziehen, wo die Schweizer Gründer anfangen, sich in Detailverliebtheit zu verlieren. Das ist nicht nur Kapitalismus, das ist Erziehung zur Weltmarktfähigkeit.
Die Gefahr des Übermuts
Natürlich fragt man sich, ob das noch Schweizer Werte sind oder nur noch eine Kopie des US-Modells. In den Strassen von San Francisco sieht man, wie Start-ups wie Raketen starten und wie Knallkörper verglühen. Die Schweizer Vorsicht, die man sonst beim Gang zum Postschalter verinnerlicht hat, scheint bei den Portfolios von Redalpine über Bord geworfen zu werden. Laut Daten von Swiss Venture Capital Report 2023 flossen Rekordsummen in diese Firmen, doch die Profitabilität bleibt für viele ein Fremdwort.
Wenn die Rendite am Ende nur aus dem Hype besteht, dann ist das keine Investition, dann ist das ein Lottoschein im Anzug.
— Quelle: Beni Moser, Gründerzeit
Der wahre Test für diese Strategie findet nicht im Pitch-Deck statt, sondern im operativen Alltag eines Unternehmens in einem verregneten Winter in Zürich-Oerlikon. Wenn die Software abstürzt und der Kunde anruft, nützt einem der beste Venture Capitalist nichts, wenn man das Fundament nicht mit Schweizer Gründlichkeit gegossen hat. Redalpine fordert genau das heraus: Sie verlangen Tempo, aber sie akzeptieren kein Schlamper-Projekt. Das ist der schmale Grat zwischen Erfolg und einem sehr teuren Konkurs.
Es bleibt spannend zu beobachten, ob diese Transformation der Schweizer Szene nachhaltig ist. Die Bodenständigkeit ist unser wichtigstes Exportgut, aber man kann sich von ihr auch erdrücken lassen. Wenn man die Analysen von Firmen wie Lunaphore betrachtet, sieht man, wie eine gesunde Mischung aus Schweizer Exzellenz und VC-Druck entstehen kann. Solange die Bodenhaftung nicht komplett verloren geht, darf man auch mal ein wenig wagen. Aber wehe, die Qualität leidet unter dem Wachstumsdruck – dann wird die Schweiz sehr schnell sehr ungemütlich.





