Es ist eine ironische Pointe der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Während man sich im Zürcher Niederdorf noch über den nächsten Behördengang aufregt, diktiert in London und San Francisco eine Gruppe um Neil Rimer die Spielregeln für die nächste Generation Schweizer Einhörner. Index Ventures ist längst nicht mehr nur ein Geldgeber, sondern ein kultureller Filter. Wer deren Segen erhält, ist in der Liga der Auserwählten angekommen. Doch stellt sich die fundamentale Frage: Funktioniert das auch an einem Schweizer Dienstagmorgen, wenn der Kaffee in der Bünzli-Kantine noch nach Filter schmeckt und die Innovationskraft eher auf Präzision als auf Silicon-Valley-Hype setzt?
Der Goldrausch im Alpenvorland
Man schaue sich nur den Aufstieg von Unternehmen wie Beekeeper an. Cristian Grossmann hat es geschafft, die globale Aufmerksamkeit von Index Ventures auf ein Produkt zu lenken, das eigentlich tief in der hiesigen Arbeitskultur verwurzelt ist. Plötzlich wird aus dem Schweizer Arbeitsalltag eine globale Software-Skalierung. Laut Daten von Dealroom.co hat Index Ventures in den letzten Jahren massiv in das Schweizer Ökosystem investiert, weit über das übliche Mass lokaler Banken hinaus. Es ist ein Spiel mit hohen Einsätzen, bei dem die Schweizer Gründer lernen müssen, ihre Zurückhaltung gegen aggressives Wachstum einzutauschen.
Ein Schweizer Gründer, der nicht lernt, wie man im grossen Stil lügt und verkauft, wird in der Arena von Index Ventures alsbald zerpflückt werden.
— Quelle: Beni Moser, Gründerzeit
Das Geld von Rimer und seinem Team ist an Bedingungen geknüpft, die den Geist der Schweizer Bescheidenheit strapazieren. Hier geht es nicht mehr um das langsame, solide Wachstum über Generationen, wie man es von einem Familienbetrieb im Emmental kennt. Hier geht es um Blitzskalierung. Man möchte das Licht im Büro brennen sehen, auch wenn die Produktivität am Freitagnachmittag eigentlich eine Wanderung auf den Rigi vorschreiben würde. Dieser kulturelle Bruch ist der Preis des Fortschritts.
Die Frage nach der Substanz
Es ist leicht, sich von den hohen Bewertungen blenden zu lassen. Wenn ein Investor wie Index Ventures einsteigt, steigen die Zahlen in den Datenbanken, aber auch der Druck auf die CEO-Etage. Gründer wie jene bei GetYourGuide mussten unter dem Einfluss solcher VCs beweisen, dass Schweizer Qualität auch in der Welt des digitalen Tourismus Bestand hat. Doch der Druck ist immens. Man fragt sich als Beobachter oft, ob der Schweizer Kern dabei nicht auf der Strecke bleibt.
Die Skalierung darf nicht zum Selbstzweck verkommen, sonst endet jedes Schweizer Start-up als glänzende Fassade ohne solides Fundament im Keller.
— Quelle: Beni Moser, Gründerzeit
Letztlich bleibt der Erfolg eine Frage des Charakters. Wenn ein Start-up seine Wurzeln verliert, um dem Diktat der Quartalsberichte zu entsprechen, verliert es seine Seele. Die Schweizer Präzision ist keine Software-Funktion, die man einfach ausrollen kann. Sie ist eine Haltung. Und solange diese Haltung trotz der Dollarzeichen in den Augen der Investoren bestehen bleibt, hat das Schweizer Modell eine Zukunft. Doch der Dienstagmorgen wird es zeigen, wenn die erste echte Krise zuschlägt und das Silicon-Valley-Geld plötzlich nach Plan B verlangt.





