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Das digitale Uhrwerk aus dem Berner Oberland

Wer glaubt, künstliche Intelligenz sei nur ein flüchtiger Geist aus dem Silicon Valley, der hat die Hartnäckigkeit eines Schweizer Ingenieurs unterschätzt, der sein Handwerk noch versteht.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach·10. Oktober 2026·6 Min Lesezeit
Das digitale Uhrwerk aus dem Berner Oberland

Blau beleuchtete Server-Racks bilden das hochmoderne digitale Herzstück in einem Berner Bergatelier.

Bild: Pexels / panumas nikhomkhai

Wenn der Code die Präzision eines Chronographen lernt

Das Zürcher Start-up DaVinci Labs, geleitet von Gründer Alessandro Rossi, scheint derzeit das zu vollbringen, was viele Konzerne als reine Fata Morgana vor sich her schieben. Während in den gläsernen Palästen der Banken noch über Agilität referiert wird, hat Rossi in einer umgebauten Schreinerei im Berner Oberland Algorithmen geschmiedet, die tatsächlich die Effizienz in der komplexen Schweizer Fertigung steigern. Es ist diese stoische Ruhe, die das Team auszeichnet, während draußen der Hype um generative KI wie ein Sommergewitter über den Markt hereinbricht.

Rossi, ein Mann, der den Wert eines sauber geführten Rechnungsbuches höher einschätzt als den nächsten Pitch-Deck-Entwurf, lässt seine Maschinen nicht einfach nach Daten hungern. Er füttert sie mit dem Fachwissen von Feinmechanikern, deren Erfahrungsschatz über Generationen gewachsen ist, wie eine Studie der ETH Zürich vom Frühjahr 2024 über den Transfer von implizitem Wissen in digitale Systeme eindrücklich belegt. Hier wird keine Magie verkauft, sondern Werkzeug.

Eine Absage an den hektischen Fortschrittsglauben

Die Branche ist berauscht von der Idee, dass Software alles lösen kann, ohne dass man die Hand an das Werkstück legt. Doch bei DaVinci Labs herrscht eine andere Philosophie, die eher an das Einstellen einer Unruh erinnert als an das schnelle Schreiben von Python-Skripten. Wenn Rossi über die Skalierbarkeit seines Modells spricht, dann klingt das eher nach einem erfahrenen Uhrmacher, der erklärt, warum ein Zahnrad nur dann greift, wenn die Toleranzen stimmen.

Echte Innovation ist kein hastiger Überfall auf den Markt, sondern die beharrliche Kultivierung einer technischen Überlegenheit, die man nicht kopieren kann, weil man das Fundament nicht versteht.

— Quelle: Friedrich Stelzenbach, Gründerzeit

Laut dem aktuellen Wirtschaftsbericht des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO von 2024 investieren immer mehr Schweizer KMU in genau solche Lösungen, statt sich in den unendlichen Weiten der Cloud zu verlieren. Der Erfolg von DaVinci Labs ist das lebende Zeugnis dafür, dass Bodenständigkeit eine marktwirtschaftliche Waffe sein kann. Wer auf dem Boden bleibt, kann die Sterne sehen, ohne dabei den Kopf zu verlieren.

Der Preis für die digitale Meisterschaft

Es bleibt die Frage, wie lange eine solche Manufaktur-Mentalität im Zeitalter des globalen Kapitalflusses bestehen kann. Investoren wie Marc Bürki von Swissquote haben bereits das Potenzial erkannt, doch die Versuchung, das Modell für einen schnellen Exit zu verbiegen, lauert hinter jeder Bilanzpressekonferenz. Rossi muss sich nun entscheiden, ob er ein Weltunternehmen aufbauen will, das so robust ist wie eine Brücke von Maillart, oder ob er sich den Gesetzen des schnellen Geldes unterwirft.

Die Geschichte von DaVinci Labs zeigt, dass die Schweiz auch im digitalen Zeitalter nicht zum Abklatsch fremder Märkte werden muss. Wenn die technologische Kompetenz auf die handwerkliche Strenge trifft, dann entsteht mehr als ein Start-up; dann entsteht ein neuer Standard. Es ist Zeit, dass die Unternehmen im Land wieder lernen, den Wert von langsamem, durchdachtem Wachstum gegen den Zinseszins der digitalen Hektik aufzuwiegen.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach

Senior-Korrespondent. Entschleunigt, präzise, literarisch — 24-Karat-Qualität.

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