Gründerzeit – Journalismus für Unternehmer
Unternehmertum

Das goldene Korsett der Innovation

Die staatliche Startup-Förderung in der Schweiz hat sich zu einem gewinnbringenden, aber geistig einschränkenden Instrumentarium entwickelt, das den wahren Pioniergeist hinter einem Schleier aus KPIs und Fördergeldern erstickt.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach·11. Oktober 2026·6 Min Lesezeit
Das goldene Korsett der Innovation

Ein Uhrmacher konzentriert sich in seiner Werkstatt auf die präzise Reparatur eines Zeitmessers.

Bild: Pexels / Tima Miroshnichenko

Die Innosuisse agiert heute wie ein feinjustiertes Uhrwerk, das jedoch weniger die Zeit misst als vielmehr die Bewegungsfreiheit derer einschränkt, die sie eigentlich befreien soll. Wenn ein Jungunternehmer wie Marc P. Bernegger, der sich in den Wirren der Finanztechnologie bewegt, auf staatliche Unterstützung zurückgreift, dann tauscht er die raue Luft des Marktes gegen die wohlklimatisierte Stille eines Amtsgebäudes. Es ist ein Prozess, der an die Zunftregeln des Mittelalters erinnert, wo erst der Stempel auf dem Pergament über die Qualität des Handwerks entschied und nicht das Produkt selbst. Ein wacher Geist erkennt hier die Gefahr: Wo die Förderung beginnt, endet oft das Risiko, und wo das Risiko endet, stirbt die Innovation ihren lautlosen Tod.

Die Illusion der freien Entfaltung Der Fall von Jonas Lamis, dem Kopf hinter dem Zürcher Startup Lamidesign, illustriert diese Ambivalenz in drastischer Weise. Durch die gezielte Unterstützung der Innosuisse konnte er zwar die Skalierung seines Projekts vorantreiben, doch der Preis war die Unterwerfung unter ein Reporting-System, das jede spontane Kurskorrektur im Keim erstickt. Ein Unternehmer ist kein Beamter auf Zeit, der monatliche Berichte über Meilensteine abliefert, wie es die aktuellen Förderrichtlinien laut Jahresbericht 2023 des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung verlangen. Wahres Unternehmertum ähnelt eher dem Schnitzen einer Holzmaske im Lötschental: Man muss das Holz fühlen, man muss spüren, wo der Widerstand liegt, anstatt nach einem Algorithmus zu schnitzen, der den Absatzmarkt optimiert.

Wer sich an das Förderband der Bürokratie begibt, verlernt das Handwerk des freien Fallens.

— Friedrich Stelzenbach, Gründerzeit

Das Handwerk des Widerstands Es ist ein fatales Missverständnis unserer Zeit, dass wirtschaftlicher Erfolg durch ein dichtes Netz an Mentoren und staatlichen Anschubfinanzierungen garantiert werden könne. Die wirkliche Schweizer Schule des Erfolgs bestand stets in der Härte gegen sich selbst und der stoischen Beharrlichkeit, die man an den Hängen der Walliser Alpen findet. Wenn eine Organisation wie das Technopark Zürich heute als Inkubator dient, dann glänzt sie zwar in Hochglanzmagazinen, doch die Architektur der Förderkriterien zwingt junge Gründer in eine Konformität, die dem Geist des Erfinderischen diametral entgegensteht. Die Abhängigkeit von diesen Mitteln macht aus künftigen Titanen der Industrie kleine, angepasste Verwalter ihres eigenen Scheiterns. Wahre Größe zeigt sich in der Unabhängigkeit vom Subventionsstrom, die heute leider zur Rarität verkommen ist, wie auch die Schweizerische Nationalbank in ihren Berichten zur KMU-Struktur immer wieder implizit durch den Fokus auf die Eigenkapitalbasis mahnt. Die staatliche Hand, die heute hilft, ist dieselbe Hand, die morgen die Richtung diktiert. Ein Unternehmer, der nicht bereit ist, sein eigenes Geld zu verlieren, wird nie die Freiheit besitzen, die Welt zu verändern. Innovation ist kein bürokratischer Prozess, sondern ein Akt der schöpferischen Zerstörung, der keine Gremien-Zustimmung benötigt.

Friedrich Stelzenbach
Friedrich Stelzenbach

Senior-Korrespondent. Entschleunigt, präzise, literarisch — 24-Karat-Qualität.

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